PureNature

Wenn Allergiker einen Schock erleiden

Allergien können tödlich verlaufen




Bei Personen mit einer hochgradigen Sensibilisierung gegen bestimmte Allergieauslöser (Allergene) besteht die Gefahr eines allergischen Schocks, einer so genannten Anaphylaxie. Sie können nach einem Allergenkontakt in Sekundenschnelle lebensbedrohliche Symptome wie Atemnot und Kreislaufversagen entwickeln. Ein anaphylaktischer Schock kann tödlich verlaufen. Experten raten zu Immuntherapie und Notfallmedikamenten.

Die 10-jährige Kathrin* kam vorerst mit dem Schrecken davon: Im Sommer war sie barfuß über eine Wiese gelaufen und dabei von einer Wespe in den Fuß gestochen worden. Die Einstichstelle schwoll schmerzhaft an, darüber hinaus trat aber auch ein Ausschlag am ganzen Körper auf. Kathrin begann außerdem zu husten und rang nach Luft. Der von den Eltern herbei gerufene Notarzt bekam diese Symptome schnell in den Griff. Er vermutete eine Allergie auf Wespengift, verabreichte ein Antihistaminikum sowie Kortison und empfahl, möglichst bald einen auf Allergien spezialisierten Arzt aufzusuchen. Der konnte die Verdachtsdiagnose bestätigen. "Wir haben bei Kathrin anhand von Hauttests und einer Blutuntersuchung eine Insektengift-Allergie festgestellt. Für Patienten wie Kathrin kann ein Stich lebensbedrohlich sein. Sie müssen unbedingt mit einer Hyposensibilisierung als einzige ursächliche Therapie behandelt und mit Medikamenten für den Notfall ausgestattet werden", sagt Professor Dr. Thomas Fuchs vom Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA).

Schockgefährdete Allergiker müssen sich behandeln lassen
Das Immunsystem von Allergiepatienten ist krankhaft überempfindlich. Es reagiert mit einer heftigen Abwehr auf an sich harmlose Substanzen. Bei Personen mit einer hochgradigen Sensibilisierung gegen bestimmte Allergieauslöser (Allergene) besteht die Gefahr eines allergischen Schocks, einer so genannten Anaphylaxie. Gefährdet sind beispielsweise Menschen mit einer Allergie auf das Gift von Wespen oder Bienen oder einer Allergie auf Erdnüsse. Sie können nach einem Allergenkontakt in Sekundenschnelle lebensbedrohliche Symptome wie Atemnot und Kreislaufversagen entwickeln. Ein anaphylaktischer Schock kann tödlich verlaufen. Alarmsignale sind Juckreiz an Händen und Füßen, Hautausschlag, Heiserkeit, pfeifendes und mühsames Atmen, Schwindel, Bewusstseinstrübung, Übelkeit oder Blutdruckabfall. Wenn solche Symptome auftreten, sollten Allergiekranke einen Notarzt rufen.
Während Menschen mit einer Insektengift-Allergie durch eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) praktisch geheilt werden können, besteht bei Nahrungsmittel-Allergikern oft ein lebenslanges Risiko für schwere allergische Symptome, beispielsweise nach dem versehentlichen Essen eines Gerichts mit dem Allergieauslöser. "Allergiekranke, bei denen es bereits einmal zu einer anaphylaktischen Reaktion gekommen ist, müssen die auslösenden Allergene sehr sorgfältig meiden. Sie sollten immer Notfallmedikamente bei sich tragen - und diese im Notfall auch anwenden!" Das rät der Allergologe Professor Fuchs aus Göttingen. Als Notfallmedikamente verordnen Allergologen ein Antihistaminikum, Kortison und Adrenalin.

Allergiekranke Kinder in Kindergärten und Schulen gefährdet
"Ein Allergologe muss den Patienten ausführlich die richtige Anwendung der Notfallmedikamente zeigen und außerdem genau erklären, wie die Allergieauslöser gemieden werden können. Bei Kindern werden die Eltern entsprechend informiert", sagt ÄDA-Präsident und Kinderarzt Dr. Wolfgang Rebien aus Hamburg. Wichtig sei es außerdem, die Zutaten auf Lebensmittelpackungen immer wieder zu kontrollieren, da die Hersteller ihre Rezepturen manchmal ändern. Gefährlich sind Kontaminationen in allergenfreien Lebensmitteln. Schon geringste Spuren von Nüssen - beispielsweise in eigentlich nussfreier Vollmilchschokolade durch Verunreinigungen in den Produktionsmaschinen - können bei Nussallergikern einen lebensbedrohlichen Schock auslösen.

"Problematisch sind vor allem die Ernährung allergiekranker Kinder und die Versorgung allergischer Notfälle im Kindergarten oder in der Schule. Hier besteht dringender Bedarf an allergologischer Schulung. Es kann nicht sein, dass allergiekranke Kinder nicht in den Kindergarten gehen dürfen, weil sich das Personal mit ihrer Betreuung überfordert fühlt", sagt Rebien. Andrea Wallrafen, Geschäftsführerin des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB), sieht ebenfalls Handlungsbedarf an Kindergärten und Schulen: "Wer allergiekranke Kinder betreut, sollte trainieren, wie im Notfall richtig reagiert wird. Das kann lebensrettend sein. Zum Schutz allergiekranker Kinder wären medizinische Beauftragte an Kindergärten und Schulen sinnvoll. In Kanada wird das jetzt durch Sabrina´s Law geregelt."

Sabrinas Gesetz schützt Kanadas Kinder vor Anaphylaxie
"Sabrinas Gesetz" (Sabrina´s Law) trat im Mai 2005 in Kanada in Kraft: Lehrer müssen die Symptome anaphylaktischer Reaktionen kennen, ebenso wie die Schüler und Eltern über die Gefahr von schweren allergischen Reaktionen durch geringe Spuren von Allergieauslösern informiert sein und Notfallmedikamente richtig anwenden können. Dazu sind regelmäßige Schulungen notwendig. Sabrinas Gesetz geht zurück auf eine Initiative von Sara Shannon. Ihre 13-jährige Tochter Sabrina starb im Jahr 2003 an einem anaphylaktischen Schock, nachdem sie in der Schul-Kantine gegessen hatte. Nach der Mahlzeit bekam Sabrina im Klassenzimmer Atemnot. Noch bevor der Rettungswagen eintraf, kollabierte der Teenager und erlitt einen Herzstillstand. Trotz zunächst erfolgreicher Wiederbelebungsversuche im Krankenhaus konnte Sabrinas Leben nicht gerettet werden. Möglicherweise rettet diese Tragödie aber das Leben anderer Kinder. Das ist die Hoffnung von Sabrinas Mutter. "Ich bin stolz auf Sabrinas Gesetz. Es wird in vielen Ländern Aufmerksamkeit erregen", sagte Sara Shannon, nachdem das Gesetz verabschiedet wurde.

Spezifische Immuntherapie kann Allergiker heilen
"Das Thema Anaphylaxie wird zukünftig ein wichtiger Schwerpunkt der Aufklärungsarbeit des DAAB sein", sagt Andrea Wallrafen. "Wir brauchen Sabrinas Gesetz auch in Deutschland. Und wir werden dafür kämpfen, dass viel mehr Insektengift-Allergiker hyposensibilisiert werden!" Eine Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie) ist die einzige ursächliche Behandlung bei Allergien. Damit kann die Überempfindlichkeit des Immunsystems von Menschen mit einer Allergie auf Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmelpilze und Insekten wirkungsvoll bekämpft werden.
Für Kathrin* besteht jetzt keine Gefahr mehr. Sie erhält seit dem Sommer eine spezifische Immuntherapie mit einem molekular standardisierten Wespengift-Präparat. Innerhalb weniger Tage wurde ihr Immunsystem damit zunächst an immer höhere Dosierungen des Gifts gewöhnt. Nun erhält sie für die nächsten drei Jahre alle sechs Wochen eine Erhaltungsdosis. "Mit dieser Methode erzielen wir Erfolgsquoten von praktisch 100 Prozent. Kathrin kann also geheilt werden. Schon jetzt ist ihr Immunsystem so tolerant, dass ein erneuter Wespenstich für sie nicht mehr wirklich gefährlich ist", erläutert Professor Thomas Fuchs.

*Name geändert


Impressum:
Quelle: Pressemitteilung des Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) und der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), Januar 2006
Redaktionelle Bearbeitung: Gisela Nickel

12.01.2006

   * 0,09 € / min aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 € / min incl. Mwst.

PureNature