Monatsarchiv für Juni 2011

Ameisengift im Bioladen?

Pestizide – oft unterschätzt

Es ist schon lästig, wenn Ameisen von draußen plötzlich durch die halbe Küche laufen, am Küchenschrank hochklettern und sich etwas Süßes suchen. Eine solche Ameisenstraße und Ungeziefer im Allgemeinen lösen schnell Panik aus und den Griff zum Gift. Steht keine verstaubte Dose Schädlingsbekämpfungsmittel im Haushaltsschrank oder in der Garage, wird schnell ein Pestizid aus dem Supermarkt oder Baumarkt besorgt. Neuerdings ist Ameisengift sogar in einigen Bioläden erhältlich.

Viele Konsumenten sind zwar bewusster im Umgang mit Pestiziden geworden, doch wie sieht es aus, wenn die Ameisen die Küche durchwandern? Wird in diesem Moment wirklich genau recherchiert, ob das Gift aus der Dose nicht nur die Ameisen killt, sondern möglicherweise auch die eigene Gesundheit? Verharmlosende Beschreibungen und Versprechungen auf der Pestizid-Dose können zu Unterschätzung des Gefahrenpotentials für Mensch und Haustier führen.

Ameisengift, überall frei erhältlich

Im Baumarkt an der Kasse scheint der Sommer eingezogen zu sein. Schädlingsbekämpfungsmittel jeglicher Art zum Töten von Mücken, Ameisen, Wespen, Schnecken und alles was sonst noch unliebsam ist, sind dort in Regalen groß aufgebaut.

Im Supermarkt ist es ähnlich, auch dort ist zur Sommerzeit oft ein großes Regal mit diversen Schädlingsbekämpfungsmitteln vorzufinden. Wer sich mit Pestiziden etwas auskennt, dürfte zusammenschrecken, denn was in den Regalen steht, sind meist Nervengifte. Zu den Inhaltsstoffen gehören u.a. Pyrethroide und Organophosphate, beide Pestizidklassen gelten als sehr gesundheitsschädlich. Für bestimmte Risikogruppen, u.a. Schwangere, Allergiker und Chemikaliensensible besteht erhöhte Gefahr, weshalb deutsche Behörden vor dem Einsatz von Pyrethroiden und Pyrethrum in deren Nähe warnen.

Verbrauchertäuschung durch die Begriff „natürlich“ und „Bio“

Auf manchen der Giftdosen mit dem Inhaltsstoff Pyrethrum, steht gut lesbar „natürliches Bekämpfungsmittel“, „Bio“ oder „aus der Chrysantheme gewonnen“. Keineswegs bedeuten solche Beschreibungen, dass man es mit einem völlig ungefährlichen „Bio-Gift“ zu tun hat. Pyrethrum ist zwar ein aus der Chrysantheme gewonnenes Kontaktinsektizid, doch es ist schon von alters her für seine zuverlässige toxische Wirkung bekannt. Ungefährliche Pestizide mit natürlichen Lockstoffen sind eher selten zu finden.

Neurotoxisches Ameisengift im Bioladen?

Szenenwechsel: „Was haben wir denn da?“, dachte ich, als mein Blick im Bioladen auf dem Weg zum Kühlregal auf ein Sortiment von Schädlingsbekämpfungsmitteln fiel. Kleine handliche Flaschen mit nett aufgemachtem, in Pastellfarben gehaltenem Design. „Na, vielleicht etwas völlig ungiftiges, was man Nachbarn empfehlen kann, wenn sie Probleme mit Ungeziefer haben“, war der zweite Gedanke. Ein Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe auf der Pumpsprühdose mit dem Ameisengift und die Angelegenheit war erledigt. „Natur-Pyrethrum“ stand dort, ein toxisches Nervengift, und das im Bioladen.

Wer Ameisengift kauft, der weiß das! Wirklich?

Die Besitzerin des Bioladens stand unweit, und es war eine gute Gelegenheit, sie auf das Schädlingsbekämpfungsmittel-Sortiment anzusprechen. Auf die sachliche Erläuterung, wie gefährlich für die Gesundheit Pyrethrum sein kann, insbesondere für Kinder, Kranke, Allergiker, Asthmatiker und Haustiere, gab die Bioladen-Besitzerin die Antwort: „Wer Ameisengift kauft, der weiß das“.

Werden Schädlingsbekämpfungsmittel von jedem richtig eingeschätzt?

Genau diese Aussage war letztendlich eine Bestätigung, dass selbst diejenigen, die sich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln etwas auskennen sollten, deren Gefährlichkeit völlig unterschätzen.

Auch Natur-Pyrethrum birgt erhebliche Gesundheitsgefahren für Menschen und Haustiere. Katzen können daran sterben. Aus der Toxikologie und Medizin ist bekannt, dass Pyrethrum gesundheitsschädlich ist und Allergien und Asthma auslösen kann. Man verzichtet sicherheitshalber also besser auch auf dieses natürliche Pestizid und versucht es stattdessen mit ungefährlichen Hausmitteln.

Bioläden sollten keine Schädlingsbekämpfungsmittel mit Pyrethrum anbieten. Das Vertrauen der Verbraucher in ihre Bioläden wird durch solche gesundheits- gefährdenden Produkte im Sortiment in Mitleidenschaft gezogen. Die bessere Variante gibt eine amerikanische Bio-Supermarktkette vor, sie verteilt kostenlos kleine Broschüren mit Tipps für giftfreie Schädlingsbekämpfung. Gift und Bioladen, das passt nämlich nicht zusammen.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 20.06.2011

Giftfreier Tipp gegen Ameisen im Haus und Garten:

Eine Tüte Chilisamen im Supermarkt besorgen und mehrere Esslöffel davon in eine Glas mit Öl geben, einige Stunden ziehen lassen und dann an der Tür nach außen entlang träufeln. Diese wirkungsvolle Barriere ist völlig giftfrei und man kann zuschauen, wie die Ameisen eine Kehrtwendung machen.

Tipp für Eür Eilige: Chilisamen mit Öl auf dem Herd erwärmen, damit der für die Schärfe verantwortliche Wirkstoff Capsaicin schneller ins Öl übergeht. Man kann die Chilisamen auch ausstreuen, das hat jedoch den Nachteil, dass sie sich durch Luftzug verteilen.

Kaiserschnitt als Business Idee entdeckt?


Kaiserschnitt oder natürliche Geburt?

Die „Geburt nach Plan“ hat Konjunktur, fast jede dritte Geburt ist ein Kaiserschnitt. Wurde die Schnittgeburt vor Jahren nur als rettende Option bei Mehrlings- oder Komplikationsgeburten angesehen, wird der Kaiserschnitt werdenden Müttern mittlerweile häufig als schmerzfreie Alternative zur natürlichen Geburt offeriert. Was sind die Hauptgründe für den drastischen Anstieg der operativen Geburt? Der Altersanstieg der werdenden Mütter? Oder ist die Geburt nach „Plan“ ein perfider Plan, um Kliniken finanziell und personell über Wasser zu halten?

Gründe für den Anstieg von Kaiserschnittgeburten

Rund ein Drittel aller Geburten erfolgen in Deutschland per Kaiserschnitt, wobei sogar einzelne Bundesländer deutlich hervorstechen. Die KKH-Allianz, als viertgrößte bundesweite Krankenkasse mit über zwei Millionen Versicherten, gab dazu am 10. Mai 2011 folgende Informationen bekannt:

„Die Kaiserschnittquote ist in den neuen Bundesländern deutlich niedriger (27 Prozent) als in den alten Bundesländern (33 Prozent). Spitzenreiter war im vergangenen Jahr Rheinland-Pfalz mit einer Kaiserschnittquote von 38 Prozent. In Sachsen war sie mit 25 Prozent am niedrigsten.

Viele Frauen entscheiden sich heutzutage erst viel später für ein Baby als noch vor ein paar Jahren. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Versichertendaten der KKH-Allianz. Demnach ist die Zahl der werdenden Mütter im Alter von 20 bis 24 Jahren zwischen 2004 und 2010 um 28 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist die Geburtenrate der 40 bis 44-Jährigen um 46 Prozent gestiegen.

„Angesichts der steigenden Zahl an Risikoschwangerschaften, zu denen Spätgebärende gehören, beobachten wir seit mehreren Jahren einen Anstieg der Kaiserschnittgeburten“, so Dr. Elisabeth Siegmund-Schultze, Gynäkologin bei der KKH-Allianz.

„Ein Kaiserschnitt kann in vielen Fällen medizinisch notwendig sein, zum Beispiel bei einer Querlage des Kindes oder bei eintretenden Komplikationen wie dem Abfall der kindlichen Herzfrequenz“, erklärt Siegmund-Schultze. Allerdings gibt es auch immer mehr Frauen, die sich ohne entsprechende medizinische Indikation einen Kaiserschnitt wünschen. „Dieser Trend ist problematisch“, sagte die Medizinerin der KKH.

Problematisch und auffällig, denn die medizinischen Einrichtungen in Deutschland und ihre Ausstattung sollten genau das Gegenteil erwarten lassen.

WHO rät nur zu Kaiserschnitt, wenn konkrete Indikation besteht

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht sich für eine Geburt per Kaiserschnitt nur dann aus, wenn eine normale Geburt für das Leben von Mutter oder Kind eine Gefahr bergen könnte. Nach Schätzungen der WHO ist demnach eine Kaiserschnittgeburt nur bei zehn bis fünfzehn Prozent aller Schwangerschaften indiziert. Wünsche von Müttern nach einer Geburt durch Kaiserschnitt stellen keine Indikation dar, vor allem weil normale Geburten heutzutage durch die intensive Betreuung und Überwachung der Schwangerschafts- und Geburtsphase kaum noch Risiken bergen.

Fast jede 3. Geburt in Deutschland ein Kaiserschnitt

Wenn keine Mehrlingsgeburt oder eine schwierige Position des Babys im Mutterleib vorliegt, oder sonstige Komplikationen zu erwarten sind, spricht eigentlich in Deutschland so gut wie Nichts für eine Geburt per Operation. Zumindest, wenn man die positiveren Aspekte für Mutter und Kind abwägt.

Wirft man jedoch einen Blick auf die schwierige Lage, in der sich die meisten Kliniken und Krankenhäuser in Deutschland befinden, gerät man ins Grübeln:

Ein Kaiserschnitt ist im Gegensatz zu einer normalen natürlichen Geburt ein kalkulierbarer Vorgang. Die Mutter geht in der Regel in der 39. Woche ins Krankenhaus und nach einer 60-minütigen Operation ist das Baby da. Bei der dünnen Personalbesetzung, die fast überall herrscht, kommt der Kaiserschnitt daher sehr gelegen. Der genaue Tag und die Stunde der operativen Entbindung kann genau terminiert werden. Dadurch entstehen keine personellen Engpässe wie bei einer personalintensiveren, natürlichen Geburt, weil diese bis zu 12 Stunden dauern kann. Kalkulierbar ist auch die Vergütung einer Geburt. Für eine normale Geburt gibt es im Schnitt 1500€ und für eine Kaiserschnittgeburt rund 3000€, also das Doppelte. Für die eine oder andere Klinik, der finanziell das Wasser bis zum Hals steht, sind diese Aspekte sicherlich verlockend.

Der Wunsch nach einer Geburt ohne Schmerz

Eine Kaiserschnittgeburt auf Wunsch ist in Deutschland in den Kostenplänen der Krankenkassen nicht zur Erstattung vorgesehen. Offiziell wird für die operative Schnittgeburt nur dann gezahlt, wenn sie für medizinisch notwendig erachtet wird. Wie erwähnt, geht die WHO bei 10-15% der Geburten von einer Indikation für einen Kaiserschnitt aus. Ist bei dem verbleibenden Prozentsatz von Müttern die Angst vor dem Geburtsschmerz und Panik für eventuelle Geburtsrisiken der Beweggrund für ihre Entscheidung?

Obwohl das Geburtserlebnis für die Bindung zwischen Mutter und Kind unvergleichbar wichtig ist, wählen werdende Mütter immer häufiger die operative Geburtsvariante. Meist ist es tatsächlich die Angst vor dem Schmerz, den eine natürliche Geburt mit sich bringt. Es ist jedoch ein Irrglaube, dass ein Kaiserschnitt „schmerzfrei“ sei und für Mutter und Kind der komplikationsfreieste Weg. Nach einem Kaiserschnitt ist u.U. mit monatelang andauernden Schmerzen der Operationsnarbe zu rechnen. Diese müssen ohne Schmerzmittel ertragen werden, weil Medikamente das Kind schädigen könnten, wenn es gestillt wird. Noch zwei Aspekte, an die Mütter denken sollten, die möglichweise unschöne Operationsnarbe ist bleibend und die nächste Geburt ist mit größter Wahrscheinlichkeit wieder eine Schnittgeburt, weil mit dem Aufreißen der Operationsnarbe gerechnet werden muss.

Risiken bestehen bei einer Kaiserschnittgeburt wie bei jeder anderen Operation, in diesem Falle für die gebärende Mutter und das Kind. Neben den Komplikationen, wie sie bei jeder Operation z.B. als Narkosekomplikationen auftreten können, sind u.a. auch die Gefahr einer Thrombose und Infektionen gegeben. Plazentaverwachsungen durch Operationsnarben gehören zu den weiteren Risiken, die in Betracht gezogen werden müssen.

Kaiserschnitt, die Folgen für ein Kind können weitreichend sein

Die Risiken für ein Kind, das mit Kaiserschnitt zur Welt kommt, sind weitreichender als lange vermutet. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern neue Erkenntnisse gewonnen, die uns sehr nachdenklich stimmen sollten und dafür sprechen, dass eine natürliche Geburt, wann immer es möglich ist, einer Kaiserschnittgeburt vorzuziehen ist.

Im Juli 2009 veröffentlichten schwedische Wissenschaftler vom renommierten Karolinska Institut, dass eine Geburt per Kaiserschnitt die Erbmasse eines Neugeborenen nachteilig beeinflusst. Für die Forscher war diese neue Erkenntnis eine Erklärung für die Feststellungen anderer Wissenschaftler, die herausgefunden hatten, dass Kinder, die durch Kaiserschnitt zur Welt kommen, im späteren Leben ein höheres Risiko haben an Asthma, Diabetes oder Krebs zu erkranken. Für die Veränderungen der DNA machen die Wissenschaftler aus Stockholm den unnatürlichen und plötzlich eintretenden Geburtsstress verantwortlich. Die DNA der Blutkörperchen, die für das Immunsystem zuständig sind, unterschied sich von der bei Kindern, die auf natürlichem Weg zur Welt kamen. Die Natur hat es so vorgesehen, dass der Geburtsstress langsam aufgebaut wird, was völlig normal und leicht zu verarbeiten ist. Bei der Kaiserschnittgeburt tritt der Stress ohne Vorankündigung ein und ist laut der Wissenschaftler offensichtlich dafür verantwortlich, dass bestimmte Gene aktiviert oder deaktiviert werden.

Die WHO hält Kaiserschnittgeburten noch aus anderen Gründen für nicht harmlos. Daten von mehr als 110 000 Geburten wurden ausgewertet. Über 27% der Babys waren per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Die intensive Analyse der Daten brachte zutage, dass der operative Eingriff, wenn er ohne konkrete Indikation erfolgte, das Risiko, dass die Mutter bei der Geburt verstarb oder schwere Komplikationen auftraten, um rund das Dreifache ansteigen ließ. Wenn der natürliche Geburtsvorgang bereits eingetreten war und es wurde dann ein Kaiserschnitt durchgeführt, erhöhte sich dieses Risiko um den Faktor 14.

Natürliche Geburt statt “Geburt nach Plan”

„Der Natur nicht ins Handwerk pfuschen“, eine alte Redewendung, die man sich bei der Überlegung bezüglich einer natürlichen Geburt oder einer Kaiserschnittgeburt, in den Sinn rufen sollte, wenn keine ernsthafte Indikation besteht. Das Geburtserlebnis, das von ungeheurer Wichtigkeit ist, nicht nur für die seelische Bindung von Mutter und Kind, sollte man sich nicht nehmen lassen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass der Geburtsschmerz einfach vergessen und Endorphin ausgeschüttet wird, ein Botenstoff, der ein Glücksgefühl im Körper hervorruft. Der erste Schrei des Babys, der erste Blick auf das Neugeborene, das erste im Armhalten, das sind unvergessliche Eindrücke, die sich keine Mutter nehmen lassen sollte. Sie sind unbezahlbar und sollten keiner Mutter aus anderen Beweggründen, außer einer wirklich konkreten medizinischen Indikation, genommen werden.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 1. Juni 2011

Literatur:

Eine informative Broschüre über das für und wider Kaiserschnitt,

bietet profamilia in Kooperation mit weiteren Verbänden zum downloaden an:

Kaiserschnitt? Ja! Nein! Vielleicht?

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