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Umweltbelastung von Kindern in Deutschland

Kinder-Umwelt-Survey verdeutlicht die gesundheitliche Belastung von Kindern in Deutschland




Das Umweltbundesamt sammelt seit Jahren Daten über die Umweltbedingungen von Kindern in Deutschland, sie werden in einem „Kinder-Umwelt-Survey“ zusammengefasst. Die Daten des aktuellen Berichtes verdeutlichen die gesundheitliche Belastung von Kindern in Deutschland durch Gifte, Passivrauchen und Lärm. Umweltbelastung, betont der Bericht des Umweltbundesamtes (UBA), sei ein Problem aller Kinder. Die Schadstoffe, die Kinder belasten, stammen aus verschiedenen Bereichen. Teils sind es Altlasten, die ihnen schon über die Muttermilch übermittelt wurden, teils aus dem direkten Umfeld, aber auch aus der Nahrung. So ist ein halbes Glas Saft täglich bereits ausreichend, dass eine Pestizidbelastung bei Kindern messbar ist.

Umwelt- Surveys schaffen Überblick

Die seit 1985 vom UBA durchgeführten Umwelt- Surveys dienen dazu, repräsentative Daten über die Schadstoffbelastungen des Menschen und deren Quellen in der Innenraumluft, im Trinkwasser und im Hausstaub zu ermitteln und zu aktualisieren. Solche Untersuchungen lassen sich wegen des erheblichen Aufwands nur in vier- bis sechsjährigen Intervallen durchführen und liefern die jeweils aktuellen Messwerte („Momentzustand“) der gegenwärtig wichtigen Stoffe.

Den ersten Umwelt- Survey speziell für Kinder führte das UBA – nach ersten Voruntersuchungen in den Jahren 2001/2002 – von 2003 bis 2006 durch. Das UBA wertet ihn derzeit im Detail aus. Die Kooperation mit dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS) des Robert Koch-Instituts erlaubt zudem, die dort erhobenen umfangreichen Daten zur gesundheitlichen Situation der Kinder mit den Umweltbelastungsdaten zu vergleichen. Diese Daten sind besonders wichtig, um umweltpolitische Entscheidungen gezielt zu treffen. Der Bericht über die Schadstoffgehalte in Blut und Urin (Human- Biomonitoring) liegt vor. Zwei weitere Berichte über die Schadstoffgehalte im Hausstaub und im Trinkwasser in Deutschland stehen kurz vor ihrer Fertigstellung. Wegen der repräsentativen Zusammensetzung der untersuchten Kindergruppe gelten die Ergebnisse dieser Studie nicht nur für die Kinder, die direkt an unserer Studie teilgenommen haben, sondern für alle Kinder in Deutschland.

Warum ein Umwelt- Survey speziell für Kinder?
Kinder bedürfen einer speziellen Fürsorge, da ihr Organismus sich noch in der Entwicklung befindet und empfindlicher auf Umweltchemikalien reagieren kann. Einige dieser Entwicklungsprozesse –wie die sexuelle und kognitive Reife – sind sogar besonders störanfällig. Kinder sind – bezogen auf ihr Körpergewicht – höher belastet als Erwachsene.

1.790 Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren nahmen am Kinder-Umwelt-Survey teil. Sie sind ein für die Kinder in Deutschland repräsentatives Unterkollektiv des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Im Verlauf der Feldarbeit nahmen die Untersucherinnen und Untersucher Blut-, Urin- und Trinkwasserproben. Zusätzlich gewannen sie in den Wohnungen von fast 600 der Kinder zusätzlich Hausstaub- und Innenraumluft-Proben. In allen Proben fanden das UBA und seine Vertragslabore anschließend viele Umweltschadstoffen. Um die Belastung durch Passivrauchen zu erfassen, wertet das UBA nicht nur die Angaben der Kinder oder ihrer Eltern über das Rauchverhalten, sondern auch die Gehalte eines Stoffwechselprodukts des Nikotins, dem Cotinin, im Urin der Kinder aus. Sonderprogramme zur Sensibilisierung der Kinder durch Innenraumallergene (zum Beispiel Schimmel, Tierhaare, Milben) und zur Lärmbelastung und deren Folgen rundeten das Analyseprogramm ab.

Umwelt-Surveys decken Trends auf
Die Ergebnisse des 2. Umwelt-Survey von 1990/92 und des Kinder-Umwelt-Surveys zwischen 2003 und 2006 zeigen zum Beispiel: Die Belastung der Kinder in Deutschland mit verschiedenen Schwermetallen, dem in Holzschutzmitteln eingesetzten Pentachlorphenol (PCP) und den aus Verbrennungsprozessen stammenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) ist gesunken – ein Indiz, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Trinkwasser- und Luftqualität sowie gezielte Verbote und Anwendungsbeschränkungen für Stoffe erfolgreich waren.

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Persistente und akkumulierende Stoffe
Persistente und akkumulierende Stoffe zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich im menschlichen Körper und in der Umwelt anreichern und gar nicht oder nur sehr langsam abbauen. Eine Arbeitsgruppe der EU Kommission prüft gegenwärtig, ob 120 solcher Stoffe besonderen Regelungen zu unterwerfen sind. Die meisten dieser Stoffe lassen sich im menschlichen Körper bislang nicht nachweisen, weil es keine
chemisch-analytischen Methoden dafür gibt. Aus diesem Grund untersuchte das UBA im Kinder-Umwelt-Survey beispielhaft und stellvertretend für die Gruppe der persistenten und akkumulierenden Stoffe die Belastung der Kinder mit einer Reihe von toxischen, in der Umwelt und im Menschen langlebigen Organochlorverbindungen, wie das zur Malariabekämpfung eingesetzte DDT (Dichlordiphenyltrichlorethylen), PCB (polychlorierte Biphenyle) oder HCB (Hexachlorbenzol).

Tendenzen - gestillte Kinder zeigen höhere Belastung
Die Belastung der Umwelt und des Menschen nahm seit den Anwendungsverboten für diese Stoffe in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zwar ab, die Stoffe sind aber weiter im Fettgewebe des Menschen gespeichert. Obwohl alle untersuchten Kinder erst nach dem vollständigen Verbot dieser Stoffe zur Welt kamen, ließ sich die Belastung eindeutigen Quellen zuordnen: Gestillte Kinder weisen deutlich höhere Gehalte an persistenten Stoffen auf als nicht gestillte Kinder. Die Belastung der Kinder nimmt mit der Dauer des Stillens und dem Lebensalter der Mutter zu. Selbst in der ältesten untersuchten Gruppe (14-Jährige), war der Unterschied zwischen gestillten und ungestillten Kindern noch eindeutig feststellbar.

Stillen ist für die emotionale und gesundheitliche Entwicklung des Kindes wichtig. Die Fachwelt ist sich überwiegend einig, jungen Müttern auch in Zukunft das Stillen zu empfehlen. Es darf aber nicht sein, dass Mütter ein schlechtes Gewissen haben, weil sie Schadstoffe schon in den ersten Lebenstagen an ihre Kinder weiter geben. Dass langlebige Stoffe noch Jahrzehnte nach ihrem Verbot die Kinder über die Muttermilch belasten, ist ein starkes Argument dafür, vorsorglich zu handeln und die Freisetzung solcher Stoffe zu begrenzen.
Vor dem Hintergrund des neuen Chemikalienrechts der EU (REACH) besitzen die Messungen zu DDT; PCB und HCB durchaus Modellcharakter. Es ist davon auszugehen, dass außer diesen persistenten Stoffen auch solche mit vergleichbaren Eigenschaften, für die es jedoch noch keine geeignete Analytik gibt, die Kinder nach dem gleichen Muster belasten. Das neue Chemikalienrecht REACH sieht vor, den Gebrauch dieser langlebigen Stoffe nur in Ausnahmefällen zu gestatten.

Sind Kinder aus ärmeren Familien stärker belastet? Nicht unbedingt
Heutzutage sind zwar alle Kinder von Umweltbelastungen betroffen, die Art und Höhe weist jedoch schichtspezifische Unterschiede auf. Während Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus zum Beispiel eine höhere Belastung durch das Passivrauchen oder durch Blei aufweisen, sind Kinder aus Familien mit höherem Sozialstatus stärker mit langlebigen Organochlorverbindungen, bestimmten Pflanzenschutzmitteln (zum Beispiel mit dem DDT) belastet. Auch Terpene wirken reizend auf Augen- und Schleimhäute, können bei höheren Konzentrationen Atemwegsbeschwerden auslösen. Terpene sind Stoffe, die zum Beispiel aus Holz ausgasen. Sie finden sich eher bei Kindern aus oberen sozialen Schichten.

Ergebnisse für neu gemessene Stoffe – wo gibt es Probleme?
Das UBA untersucht auch, ob von den gemessenen Schadstoffgehalten eine Gefährdung für die Gesundheit der Kinder ausgeht. Daher verglich das UBA die ermittelten Stoffgehalte in Blut und Urin mit toxikologisch-epidemiologisch begründeten Beurteilungswerten. Die erfolgreiche Begrenzung der Exposition (siehe Kasten) gegenüber Schwermetallen hat nach Expertenmeinung dazu geführt, dass für Kinder in Deutschland das Risiko gesundheitlicher Belastungen durch Schwermetalle entscheidend zurück ging.

Exposition bezeichnet bei der Risikobewertung das Ausgesetztsein gegenüber Umwelteinflüssen. Ein Bergarbeiter beispielsweise ist gegenüber Steinstaub exponiert, ein Passivraucher gegenüber Zigarettenrauch. Eine Exposition muss nicht unbedingt krank machen, sind die betreffenden Stoffe jedoch giftig oder umweltschädlich, dann kann sich aus Wirkung und Exposition ein Risiko für Mensch und Umwelt ergeben. Für viele Umweltschadstoffe gibt es aber noch keine Beurteilungswerte über die von ihnen ausgehenden gesundheitlichen Gefahren.

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Ein halbes Glas Saft reicht aus…
Befunde aus dem Kinder-Umwelt-Survey zeigen, dass der Verbrauch von mehr als einem halben Glas Fruchtsaft pro Tag bereits zu einem deutlichen Anstieg der Stoffwechselprodukte aus Organophosphat Pflanzenschutzmitteln führt. Kinder könnten also über den Konsum von Fruchtsaft erheblich mit Organophosphat belastet sein. Organophosphate selbst lassen sich im Körper nicht messen, da sie gleich zu Metaboliten verstoffwechselt werden. Die Stoffwechselprodukte, die das UBA gemessen hat, können also entweder in den Kindern entstanden sein oder zum Beispiel von Bakterien auf den Früchten stammen. Das legt die Vermutung nahe, dass die Früchte aus denen der fragliche Saft hergestellt worden war, stark mit Organophosphaten behandelt worden sein müssen. Organophosphate sind Nervengifte, schädigen u. a. das Immunsystem, sind teilweise krebserregend und stören die neurologische Entwicklung.

Weichmacher ein neuer Belastungsfaktor
Eine weitere problematische Schadstoffgruppe sind die Phthalate, die vor allem als Weichmacher in PVC-Produkten zum Einsatz kommen. Nach Daten des UBA sind Phthalate im Urin aller untersuchten Kinder nachweisbar. Derzeit nehmen rund zwei Prozent der Kinder mehr DEHP (Diethylhexylphthalat) und zwischen 12 und 37 Prozent der Kinder mehr DnBP (Di-n-btylphthalat) auf, als aus gesundheitlicher Sicht für unbedenklich zu halten ist. DEHP nehmen die Kinder hauptsächlich über die (fettreiche) Nahrung auf – es findet sich beispielsweise in flexiblen Plastikmaterialien wie Weichplastik oder den Dichtungen von Twist-off-Deckeln –, während Innenraumluft und Hausstaub keinen nennenswerten Beitrag liefern. DnBP nehmen die Kinder sehr wahrscheinlich über Nahrung, Hausstaub und Innenraumluft auf. Die Ergebnisse zu Belastungen der Kinder mit Phthalaten sind besorgniserregend, da sie die akzeptabeln täglichen Aufnahmemengen überschreiten. Das UBA arbeitet daran, die genauen Quellen für diese Belastungen zu ermitteln und damit den Weg zu einer Verminderung der Belastung der Kinder in Deutschland zu ebnen.

Die Bedeutung des Innenraums für kindliche Umweltbelastungen
Das UBA untersuchte in seiner Studie auch die Belastungen im häuslichen Umfeld der Kinder. Schließlich halten sich Kinder, auch dies konnte die Studie erstmals nachweisen, täglich fast 15 Stunden in der Wohnung der Eltern auf. Kinder sind also Schadstoffen in der Innenraumluft und ihren möglichen toxischen Wirkungen lange ausgesetzt. Viele dieser Stoffe stammen aus Möbeln, Teppichen, Haushaltsund Bauprodukten. Das UBA arbeitet schon seit längerem daran, die Ausdünstungen an „Flüchtigen Organischen Verbindungen“ (VOC) aus solchen Produkten zu begrenzen. Dafür ist es natürlich wichtig, die Zusammensetzung dieser VOC und die aktuellen Verwendungstrends zu kennen, um ungünstigen Produktentwicklungen zu begegnen und zielgerichtet gesundheitsbezogen-toxikologisch bewerten zu können.

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Gefährliche Benzolbelastung durch Passivrauch
Die Belastung der Kinder durch Passivrauchen beeinträchtigt ihre Gesundheit und ihre Lebensqualität. Eine Vorstudie zum Kinder-Umwelt-Survey hatte bereits gezeigt, dass Passivrauchen zu einer erhöhten Zahl von Mittelohr-Entzündungen und häufigeren Infektionen bei den Kindern führt. Nun belegt die Hauptstudie, dass auch die Belastung der Innenraumluft mit Krebs erzeugenden Stoffen, wie Benzol und
polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) durch das Passivrauchen deutlich erhöht wird, im Fall von Benzol so weit, dass Konzentrationen überschritten werden, die die EU- Kommission für gesundheitlich bedenklich hält.

Schimmelpilze erzeugen Allergien
Der Kinder-Umwelt-Survey zeigt auch, dass bei acht Prozent der Kinder Sensibilisierungen gegen Innenenraumschimmelpilze vorhanden sind, ein Teil der Kinder ist sogar ausschließlich gegenüber diesen innenraumspezifischen Pilzen sensibilisiert. Da die bisher erhältlichen Allergietests Innenraumschimmelpilze nicht erfassen, ließ das UBA spezielle Bluttests entwickeln. Diese sollten Teil kommerzieller Allergietests werden. Hierzu ist ein Dialog zwischen Herstellern, Betroffenen-Verbänden und Wissenschaft sinnvoll. Bisher war gar nicht bekannt, dass es Sensibilisierungen ausschließlich gegen Innenraum-Schimmelpilze gibt und dass einzelne Arten überhaupt sensibilisieren. Diese neue Erkenntnis könnte dazu beitragen, bisher unerklärliche allergische Geschehen zu klären und Abhilfe zu schaffen.

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Weg ebenen für eine saubere Umwelt, der Kinder zuliebe
Der Kinder-Umwelt-Survey ist der erste in Europa. Er liefert wichtige Erkenntnisse über die Umweltbelastung von Kindern und über künftige Herausforderungen zur Bewertung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen so wie zur Gewährleistung eines gerechten Zugangs zu einer sauberen Umwelt für alle in Deutschland lebenden Kinder.

Impressum:
Autor:
PureNature Redaktion, September 2007

Literatur:
UBA, Wie Schadstoffe und Lärm die Gesundheit unserer Kinder belasten, Sommer 2007

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